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Wie spricht man über Krebs?

Die Diagnose Krebs macht oft sprachlos. Was sagt man als Angehöriger zu dem Betroffenen? Psychoonkologe Imad Maatouk erklärt, welche Worte helfen
von Larissa Gaub, 01.12.2017

Bei bedrohlichen Krankheiten die richtigen Worte finden: Auch für Ärzte nicht leicht

Getty Images/Corbis/Dennis Degnan

Herr Dr. Maatouk, mit welchen Worten fangen Sie Patienten auf?

Als Psychoonkologe begleite ich Patienten in allen Stadien einer Krebserkrankung. Jeder geht anders mit der Diagnose um, manche verschließen sich völlig, andere erzählen von ihren Ängsten. Ich versuche, bei einem ersten Gespräch herauszufinden, wie stark der Patient auch psychisch belastet ist und welche Unterstützung ihm bereits zu Verfügung steht.

Wie gehen Sie dabei vor?

Mich interessiert auch die Vorgeschichte des Patienten. Was hat er erlebt? Wie geht er mit Extremsituationen um? Danach spreche ich noch mal genau über die Diagnose und ordne das gemeinsam mit ihm ein. Im Gespräch mit den Ärzten stehen die Patienten manchmal so unter Schock, dass sie die ­­Informationen über weitere Behandlungsschritte oder Therapien gar nicht mehr mitbekommen.

Dr. Imad Maatouk, Oberarzt der Psychoonkologischen Ambulanz am Uniklinikum Heidelberg

W&B/Claus Morgenstern

Sie behandeln auch Angehörige. Was beschäftigt diese am meisten?

Das ist natürlich immer unterschiedlich. Oft fragen sie, wie sie dem Betroffenen helfen können oder wie sie das Thema Krebs ansprechen sollen.

Und was empfehlen Sie dann?

Das ist sehr schwer allgemein zu beantworten. Es kommt auch immer darauf an, wie nah jemanden die an Krebs erkrankte Person steht. Doch ich denke, es gibt gewisse Prinzipien, die für jeden gelten.

Zum Beispiel?

Es ist wichtig, dass sich Angehörige, Freunde oder Bekannte erst einmal selbst mit dem Thema auseinandersetzen. Versetzen Sie sich in die andere Person hinein, und überlegen Sie sich, was Sie sich in dieser Situa­tion wünschen würden. Manchmal kann es auch helfen, mit einem Freund zu sprechen oder die eigenen Gedanken aufzuschreiben und erst einmal so in Worte zu fassen.

Aber wenn ich darüber mit dem Patienten reden will – wie spreche ich das Thema Krebs an?

Für alle Beteiligten gilt: möglichst offen miteinander sprechen – und immer auf eine behutsame Art. Doch es muss zum Beispiel auch das Drumherum stimmen. Also eher bei einem Spaziergang das Gespräch suchen und nicht in einer ungeschützten, öffentlichen Situation – etwa im Supermarkt. Wenn es mir schwerfällt, das Thema anzusprechen, kann ich damit starten, zunächst von meinen eigenen Gefühlen zu erzählen. Ganz wichtig sind hier Ich-Botschaften.

Warum helfen Ich-Botschaften?

Damit drücke ich aus, wie es mir mit der Situation geht, und bin authentisch. Über Ich-Botschaften kommt es weniger zu Missverständnissen. Ich öffne mich dem anderen, ohne ihm etwas aufzudrücken oder zu unterstellen.

Die richtigen Worte finden

Ein Freund oder Nachbar hat Krebs? Wie ein Gespräch jetzt Halt geben kann:

  • Nachdenken: Fragen Sie sich zuerst in Ruhe, was das für Sie bedeutet. Was löst die Diagnose bei Ihnen aus? Was fühlen Sie?
  • Hilfe suchen: Steht der Erkrankte Ihnen sehr nahe? Scheuen Sie sich nicht, und holen Sie sich Hilfe bei ­einem guten Freund oder einem erfahrenen Psychoonkologen. Nur wer sich auch um sich selbst kümmert, kann für andere da sein.
  • Offen sein: Das A und O: ehrlich miteinander sprechen. Am besten
    Ich-Botschaften formulieren, wie zum Beispiel: Manchmal weiß ich nicht, wie ich dich unterstützen kann.
  • Zuhören: Für die Person da zu sein und zuzuhören hilft meist mehr als gut gemeinte Belehrungen oder das Erzählen vom Schicksal anderer Betroffener. Das führt oftmals zu Missverständnissen und kann die ­Situation des Einzelnen entwerten.
  • Fehler zugeben: "Wie geht’s?" oder "Das wird schon wieder!" Manch­mal rutscht einem aus Unsicherheit ­etwas raus, was man gar nicht sagen wollte. Wer etwa nach einer alltäg­lichen Floskel ein blödes Gefühl hat, kann das in Ruhe noch einmal ansprechen. Besser, als zu schweigen.

Bei aller Offenheit: Gibt es Dinge, die man besser nicht anspricht?

Manche meinen es gut und erzählen die Genesungs-Geschichten von anderen Krebserkrankten. Das trifft aber häufig nicht die Situation, in der sich der Betroffene gerade befindet. Und das kann dessen eigene Situation ein Stück weit entwerten. Jeder Mensch ist einzigartig und möchte auch so wahrgenommen werden. Ich glaube, es ist wichtiger, zuzuhören und präsent zu sein. Man sollte eher über die eigene Unsicherheit sprechen, als die Geschichten anderer vorzuschieben.

Bei vielen Krebskranken hinterlässt die Behandlung eindeutige Spuren. Die Haare fallen aus, die Patienten nehmen ab. Was raten Sie dann: ansprechen oder einfach übergehen?

Das kann man schon ansprechen – allerdings sehr behutsam. In etwa so: Ich habe dich in letzter Zeit ein paar Mal gesehen, und es hat mich beschäftigt, weil sich dein Äußeres verändert hat. Ich habe mich gefragt, wie es dir gerade geht. Man kann auch sagen, dass man selbst verunsichert ist, ob man das jetzt überhaupt ansprechen soll. Wichtig ist nur, dass man dem anderen dann die Chance gibt, das Gespräch weiter zu steuern. Wenn er sehr zurückhaltend darauf reagiert und schnell wieder das Thema wechselt, sollte man das akzeptieren.

Fällt das Trösten ohne Worte manchmal leichter? 

Manchmal kann eine Stille auch angenehm sein, ja. Doch die entstandene Pause sollte nicht unkommentiert bleiben. Wenn ich gar nichts sage, sondern nur schweige, hinterlässt das einen großen Interpretationsspielraum. Der andere könnte den Eindruck gewinnen, dass ich mich aus seinem Umfeld zurückziehen will. Also offen miteinander sprechen.

Und wenn es der Betroffene ist, der sich zurückzieht? 

Lassen Sie ein wenig Zeit verstreichen. Oftmals muss der Patient sich erst einmal selbst mit der Diagnose Krebs auseinandersetzen. Das sollte ich als Außenstehender annehmen und erst später wieder ein behutsames Kontaktangebot machen.

Auch wenn ich mir Sorgen mache?

Man kann seine Unterstützung, die Bereitschaft zum Gespräch ruhig noch ein zweites Mal anbieten. Oder ich kann mich bei einem Angehörigen erkundigen, wie der Patient die Situation einschätzt. Meist wissen die Menschen, die dem Betroffenen am nächsten stehen, was derjenige jetzt braucht.

Ich bin schlecht im Reden. Kann ich auch anders helfen?

Einfach nachfragen, wobei Betroffene Unterstützung gebrauchen könnten. Manchmal hilft es bereits, wenn ein paar Einkäufe erledigt werden können. Aber Vorsicht: nicht zu sehr aufdrängen. Das kann mein Gegenüber schnell unter Druck setzen. Außerdem ist es wichtig, wirklich nur dann Hilfe anzubieten, wenn man auch hinter diesem Angebot steht – und es nicht nur aus reinem Verpflichtungsgefühl anbietet. Empfindet man die Unterstützung nur als Belastung, merken das schnell auch die Betroffenen – und damit ist keinem geholfen.

Kann ich auch zu viel helfen?

Viele an Krebs Erkrankte wollen am Alltag teilnehmen, sofern sie können. Deswegen ist es wichtig, ihnen nicht alles abzunehmen. Denn sonst entsteht schnell das Gefühl, dass sie von der Gesellschaft und dem alltäglichen Leben ausgeschlossen sind.

Ein Beispiel: Wenn jemand zu Hause immer fürs Kochen zuständig gewesen ist und das gerade nicht mehr kann, weil es ihm körperlich nicht gut geht, dann tut man ihm meiner Ansicht nach keinen Gefallen, wenn man ihm das komplett abnimmt. Das könnte dem Erkrankten das Gefühl geben, er sei überflüssig. Besser ist es, ihn einzubinden, indem man vielleicht seine Rezepte verwendet oder ihn während des Kochens immer mal wieder um Rat fragt.



Bildnachweis: W&B/Claus Morgenstern, Getty Images/Corbis/Dennis Degnan

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